Der Fuchs und das Mädchen

29. September 2017  •  Veröffentlicht in Kindergeschichten

Geschichte für Kinder ab 6 Jahre.

Der kleine  Fuchs war wieder da. Gestern Abend hättet ihr ihn sehen können. In der Dämmerung vor dem gelben Haus in der Besenstraße. Erst  ist er auf und ab gelaufen, dann hat er sich auf seine Hinterläufe gehockt, die Ohren hoch gestellt und zum Haus hinüber geschaut. Der kleine Fuchs könnte auch ein Hund sein. Ist es aber nicht. Seine Beine sind kürzer, die Schnauze spitzer, der Schwanz buschiger als bei einem Hund. Was will ein kleiner Fuchs hier, mitten in der Stadt?

Im Haus Nummer 3 wohnt Meggie Mauerbach. Der kleine Fuchs weiß das. Aber woher? Füchse sind zwar schlau, aber sie haben keine Adressbücher und können niemanden fragen. Der kleine Fuchs wartete geduldig die ganze Nacht, doch im Zimmer des Mädchens ging das Licht nicht an, alles blieb dunkel. Es regnete Bindfäden und es war kalt. Sein Fell war pitschnass. Was der kleine Fuchs nicht wusste: Meggie war gar nicht zu Hause. Sie besuchte Oma und Opa und hatte keine Ahnung, dass unter ihrem Fenster ein Fuchs  saß und leise das Haus anbellte.

Meggie wusste nicht einmal, dass Füchse überhaupt bellen. Das wollte sie auch gar nicht wissen, denn Meggie hatte keine besonders gute Meinung von Füchsen. Wenn Ihr gefragt hättet, was sie von ihnen hält, hätte sie die Stimme gesenkt und beschwörend gesagt: Das sind furchtbar gefährliche, zähnefletschende, hinterlistige Raubtiere, denen ich nie, nie, niemals begegnen will!

Meggie kennt Füchse nur aus Büchern. Und vom Ponyhof, aber da sind ja Füchse Pferde. Also Pferde, die wegen ihrer Fellfarbe Füchse heißen. Ihre Freunde nennen Meggie die Rote Zora. Wegen ihrer Haare, die rot vom Kopf abstehen. Und weil Meggie wilder ist als die anderen. Abenteuerlustig und sehr eigensinnig. Ein außergewöhnliches Mädchen. Trotzdem hätte keiner gedacht, dass sich ein Fuchs für sie begeistern könnte. Aber Frejo ist eben kein gewöhnlicher Fuchs. Er ist ängstlicher als seine Artgenossen, sogar ängstlicher als gut ist für ihn. Schon oft ist er hungrig geblieben, weil er sich nicht aus seinem Fuchsbau getraut hat. Zum Beispiel bei Vollmond. Oder wenn die Wildschweine unterwegs sind. Und bei Gewitter schon gar nicht. Mut gehört nicht gerade zu Frejos Stärken.

Und trotzdem, diesmal war alles anders. Und das lag daran, dass er Meggie kennen gelernt hat.

Es war Frühling, als der kleine Fuchs dem Mädchen zum ersten Mal begegnete. Vor Aufregung begann sein kleines Fuchsherz ganz schnell zu klopfen, denn auf einem Baumstamm mitten im Wald saß Meggie Mauerbach und schnitzte. So sahen also die Menschen aus! Frejo war baff. Er hatte sie sich anders vorgestellt. Wie Lastwagen ungefähr. Laut, riesengroß, stinkend. Dieses Mädchen aber pfiff beim Schnitzen ein Lied und roch in etwa so lecker wie Himbeersahnetorte.

Wie schön Frejo sie fand, kann sich niemand vorstellen. Und wie geschickt sie war! Frejo duckte sich, damit das Mädchen ihn nicht entdeckte. Und ehe er sich versah, klappte Meggie ihr Taschenmesser zusammen und schwang sich auf den Ast eines riesigen Baumes. So schnell und mit so viel Grazie, wie er es noch nie gesehen hatte. Höchstens bei den Eichhörnchen, aber die haben es ja auch leicht mit ihren Krallen und ohne Schuhe.

Frejo jedenfalls hätte sich das nie getraut. Mit einem Auge linste er über den Rand seines Fuchsbaus, gerade so weit, dass ihn das Mädchen auf keinen Fall sehen konnte,  und  beobachtete gebannt, wie Meggie immer mehr an Höhe gewann, bis sie zwischen den Ästen nur noch als roter Fleck aufblitzte. Der kleine Fuchs war heilfroh, als sie nach einer halben Ewigkeit endlich wieder sicher auf dem weichen Moos landete. Schließlich hätte er Meggie ja schlecht auffangen können, wenn sie gefallen wäre. Als Meggie schließlich los rannte, weil ihre Eltern nach ihr riefen, überlegte Frejo nicht lange. Er folgte ihr.

Das Mädchen stieg in ein Auto, und Frejo lief hinterher. Schneller und immer schneller, weiter und immer weiter. Bis das Auto anhielt und Meggie laut singend im Haus verschwand.

Frejo stand mit zitternden Beinen im Schatten eines Baumes, die Zunge hing ihm fast bis zum Boden und er hechelte lauter als je ein Fuchs gehechelt hat. Er war furchtbar durstig und furchtbar glücklich. Dass der Baum kein Baum war, sondern eine Straßenlaterne merkte er erst, als es dunkel wurde und das Licht anging. Frejo kannte sich zwar im Wald aus, nicht aber in der Stadt. Doch er lernte schnell. Tagsüber versteckte er sich. Bei Anbruch der Dämmerung kam er zum Haus und hielt Wache unter Meggies Fenster. Gesehen hat sie ihn nie.

Und dann kam die Nacht, in der Meggie träumte. Von einem kleinen Fuchs mit rotbraunem, glänzenden Fell und dem liebsten Fuchsgesicht der Welt, der sein Zuhause, den Wald, verlassen hat, um bei ihr zu sein und auf sie aufzupassen. Am nächsten Morgen fiel Meggie zum ersten Mal das Loch im Vorgarten auf. Das sah ja aus wie der Eingang zu einem Fuchsbau! Meggie schaute sich überrascht um. Dann überzog ein breites Grinsen ihr Gesicht und sie flüsterte glücklich: Es gibt dich wirklich, mein lieber Freund! Du bist hier, um mich zu beschützen!
Und in der Nacht bellte der kleine Fuchs unter ihrem Fenster.

Liebe Kinder!

Ihr wisst es vielleicht noch nicht. Aber Frejo ist nicht der einzige Fuchs, der in der Stadt lebt. In den letzten Jahren sind immer mehr Tiere aus den Wäldern in die Städte gezogen, weil ihr ursprünglicher Lebensraum kleiner geworden ist und sich die Städte immer weiter ausgebreitet haben. Allerdings werdet ihr die Füchse kaum zu Gesicht bekommen, denn sie sind sehr scheu und wollen mit uns Menschen eigentlich nichts zu tun haben. Die Tage verschlafen sie in ihren unterirdischen Bauen. Nachts und in der Dämmerung gehen sie dann auf die Suche nach Nahrung. Weil Füchse nicht nur sehr schnell rennen können (50 Kilometer pro Stunde, das ist etwa so schnell wie ein Auto in der Stadt fahren darf, aber nicht so schnell wie ein Feldhase laufen kann), sondern auch unglaublich gut hören und riechen können, entgeht ihnen nur selten eine Beute. Selbst wenn die Maus noch so leise durchs Gras huscht – der Fuchs bekommt es mit, denn er hat an Schnauze und Pfoten viele feine Härchen, mit denen er kleinste Bewegungen und Erschütterungen um sich herum wahr nimmt. Übrigens braucht keine Gans Angst vor einem Fuchs zu haben (ihr kennt ja sicher das Lied Fuchs, du hast die Gans gestohlen…). Ausgewachsene Gänse sind für ihn als Beute viel zu groß. Aber weil Füchse Allesfresser sind, finden sie genug Mäuse, Regenwürmer, Insekten, Schnecken, Vögel, Vogeleier, Frösche, aber auch Beeren, Früchte oder Abfall, um satt zu werden.
In den kalten Januar- und Februarnächten gehen die Füchse dann auf die Suche nach einer netten Füchsin, einer Fähe. Wer dann spät abends im Wald unterwegs ist, kann das Heulen und Bellen hören, mit dem sie auf sich aufmerksam machen. Etwa 50 Tage später, also im März oder April kommen dann die kleinen Füchse auf die Welt, zwei Wochen lang sind sie blind, dann aber entwickeln sie sich in einem rasanten Tempo, lernen jagen und alles, was man für ein Fuchsleben braucht. Nach nur vier Monaten sind die kleinen Füchse selbständig. Überlegt einmal, wie abhängig die Menschenbabys in dem Alter noch von ihren Eltern sind!
Erwachsene denken oft an Tollwut, wenn über Füchse gesprochen wird. Vor einigen Jahren hatten tatsächlich viele Füchse Tollwut und haben mit dieser schlimmen Krankheit andere Tiere und auch Menschen angesteckt. Seitdem sind die Füchse aber mit Hilfe von Ködern geimpft worden, so dass Experten Deutschland für tollwutfrei erklärt haben. Trotzdem solltet ihr unbedingt die Finger von Füchsen lassen – ein Fuchs ist kein Schmusetier, Füttern und Streicheln verboten.