Kurzgeschichte für Kinder ab 5.

Ich bin sauer.
Meine beste Freundin weiß nicht, was ein Wald ist. Sie behauptet, sie kann ihn von ihrem Zimmer aus sehen. Dabei wohnt sie mitten in der Stadt. Nur weil neben ihrem Haus ein paar dünne Birken stehen! Sieben Bäume sind kein Wald, sage ich. Doch, sagt Eufrosine Blütenschnee sauertöpfisch, sieben Bäume sind ein Wald!
Es ist manchmal nicht einfach für mich, die beste Freundin meiner besten Freundin zu sein, denn sie denkt, sie weiß alles besser. Manchmal ist das auch so. Eufrosine spielt Klavier. Ich nicht. Sie benimmt sich wie eine richtige Dame. Ich nicht. Sie spricht drei Sprachen, weil ihren Eltern französich und englisch mit ihr reden. Ich kann nur deutsch, schließlich gehe ich erst seit ein paar Wochen in die Schule. Eufrosine auch, aber sie liest schon richtige Bücher! Neulich hat sie ihrem Papa eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen. Er ist dann auch sofort eingeschlafen, hat sie erzählt. Ich bewundere meine beste Freundin. Trotzdem weiß sie nicht, was ein Wald ist. Und das macht mir Sorgen.
Als ich Eufrosine frage, ob sie überhaupt schon mal in einem Wald war, schielt sie zu ihren blitzblanken Glitzerschuhe. Dann zieht sie eine Schnute und schweigt. Wusste ich’s doch! Als ich darüber nachdenke, dass ich womöglich eine beste Freundin habe, die nichts von Wäldern weiß, wird mir schwindlig. Durchs Laub springen, Hexensuppe kochen, mit nackten Füßen über den Waldboden rennen… Da hast du ja das Beste verpasst, du Ärmste! Aber dann sehe ich Eufrosines Schmollmund und bin still, denn ich will sie nicht noch mehr in Verlegenheit bringen. Ich überlege. „Wie wäre es mit einem Abenteuer?“ frage ich. Eufrosine guckt schief. Abenteuer mag sie eigentlich nicht so. Ich sage ihr, dass sie sich keine Sorgen machen muss, schließlich soll sie ja nicht auf einem Piratenschiff anheuern, sondern bloß mit mir in den Wald kommen! Erwartungsvoll schaue ich meine Freundin an. Aber sie sagt: „Keine Lust!“ Ich blitze Eufrosine böse an. Aber sie tut so, als wüsste sie genau Bescheid: „Im Wald ist es unheimlich und dreckig. Und es gibt Wölfe und Füchse und Räuber.“ Ich ärgere mich so, dass ich vergesse zu atmen, und denke: „Dann eben nicht, du langweilige doofe Gans“, aber das sage ich nicht. Stattdessen flöte ich: „Das ist aber schade, liebste Eufrosine. Dann lernst du ja gar nicht den Prinzen kennen!“ Schlagartig verschwindet der mürrische Ausdruck aus ihrem Gesicht. Ich merke sofort, dass Eufrosine angebissen hat, denn sie drückt ihren Zeigefinger auf die Nasenspitze und das tut sie immer, wenn sie aufgeregt ist. „Was für ein Prinz denn?“ fragt sie mich neugierig. Ich antworte, dass ich ihr das leider nicht verraten darf, weil es ein Geheimnis ist. Und dann sage ich: „Ich bin am Sonntag mit ihm verabredet.“ Eufrosine überlegt eine klitzekleine Sekunde, dann sagt sie: „Ich komme mit!“ Na bitte, ich wusste es doch.

2

Endlich ist Sonntag und unser Freundinnen-Abenteuer kann beginnen. Meine Eltern sind schon fast außer Sichtweite. Sie haben mich und Eufrosine Blütenschnee beim Forsthaus abgesetzt und noch kurz mit Herrn Rotwurst gesprochen. Herr Rotwurst ist der Förster. Ich mag ihn. Er ist ein alter Mann und hat viele Runzeln vom vielen Lachen. (Am lautesten lacht er, wenn er darüber nachdenkt wie er heißt, sagt er. Ambrosius. Ambrosius Rotwurst!) Nachdem Herr Rotwurst meinen Eltern versprochen hat, uns im Auge zu behalten, sind sie endlich losmarschiert. Sie wollen wandern und kommen erst in drei Stunden zurück. Meine beste Freundin sieht nicht so aus, als würde sie es drei Stunden im Wald aushalten. Es hat in der Nacht geregnet und der Boden ist matschig. Eufrosine hat immerhin Gummistiefel an. Dazu einen hellgrünen Regenmantel mit roten Punkten und eine Umhängetasche, in die sie – Ehrenwort – einen kleinen Regenschirm gepackt hat, Hustenbonbons, ihre Brotdose und Lippenstift. Sie will schön sein, wenn der Prinz sie zum ersten Mal sieht, sagt sie. Eufrosine guckt sich suchend um, aber außer Herrn Rotwurst ist weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Sie seufzt tief. „Und jetzt? Was machen wir drei Stunden lang in dieser Einöde?“ fragt sie mich missmutig.  Ich habe mir vorgenommen, Eufrosine nicht böse zu sein, egal wie schwer es heute mit ihr sein wird. Ich sage also erst mal gar nichts, sondern ziehe meine Gummistiefel und die Socken aus und stelle sie ordentlich neben die Bank vorm Forsthaus. Es ist Sommer, es ist warm und meine Füße sind überglücklich, an die frische Luft zu kommen. An meinen Fußsohlen kitzelt es und ich muss laut lachen, so schön ist das! Eufrosine macht ein langes Gesicht. Aber ich springe auf dem weichen Waldboden vor ihr auf und ab und da kichert sie auch leise. Ich sage: „Los, beeil dich! Der Prinz emfängt uns nur ohne Schuhe!“ Meine Freundin guckt fragend zu Herrn Rotwurst. Der nickt ihr aufmunternd zu. Vorsichtig zieht sie ihre Gummistiefel und Strümpfe aus und bleibt erst mal stehen, so als wäre sie festgewachsen. Aber dann läuft sie langsam auf und ab. Erst ganz vorsichtig, denn ihre Fußsohlen sind viel empfindlicher als meine. Dann wird sie immer schneller und am Ende rast sie mit mir ums Forsthaus herum, tritt auf Wurzeln und Zapfen und beklagt sich nicht mal, dass es weh tut. Sie merkt gar nicht, dass wir das Forsthaus und Förster Rotwurst schon längst hinter uns gelassen haben.

3

Wir sitzen auf einem Baumstamm und meine beste Freundin hat gerade in ihr Leberwurstbrot gebissen, als wir das Geräusch hören. Huhhhhh, Huhhhhhh. Eufrosine erstarrt. Es klingt schaurig. Und es kommt aus einem der Bäume hinter uns. Huhhhh, huhhhhhh. Das Forsthaus ist kaum noch zu sehen, soweit sind wir gerannt. Eufrosine rutscht ganz dicht an mich heran vor lauter Angst. Ich bin froh, dass sie da ist, denn ganz wohl ist mir auch nicht. Huuhhhhh. Huhhhhh. Trotzdem. Ich stehe vorsichtig auf, nehme Eufrosines Hand und will todesmutig in die Richtung gehen, aus der das Geräusch kommt. Da höre ich plötzlich ein leises Kichern. Ich schlage mir mit der flachen Hand vor die Stirn, weil ich nicht sofort drauf gekommen bin. „Leo, du kannst herauskommen!“ Aus dem Kichern wird ein heiseres Krächzen. Ich wusste es! So lacht nur mein Freund Leopold. Er sitzt über uns zwischen den Blättern einer Eiche und kann nicht aufhören, krächzend zu lachen. Ich stupse Eufrosine an, die immer noch ganz still ist, weil sie ja noch das Leberwurstbrot in der Backe hat, und sage laut: „Darf ich vorstellen: Prinz Leopold!“ Die Augen meiner Freundin werden riesengroß. Sie guckt ihn unverwandt an, als er geschickt den Baum herunterklettert und auf sie zukommt: „Tut mir leid, ich wollte eurer Hoheit nicht so eine Angst einjagen.“ Leo weiß, was sich gehört, denke ich zufrieden – und tatsächlich huscht ein Lächeln über das Gesicht meiner Freundin, als er sie breit angrinst. Sie mag ihn, das sehe ich sofort. Ich finde, er sieht heute auch besonders gut aus, mit einer Feder am Hut und einem grün-goldenen Umhang um die Schultern. Leo liebt es, sich zu verkleiden, obwohl er schon neun Jahre alt ist und ein Junge und der Enkel des Försters. „Kommt mit“, sagt er, „ich zeige euch was!“ und rennt los, noch tiefer in den Wald hinein.

4

Leo bringt uns zu einer kleinen Lichtung. Verborgen hinter zwei dicken Buchenstämmen entdecken wir einen kleinen Unterstand. Eufrosine hüpft hoch und kreischt begeistert: „Das ist ja ein Schloss, ein richtiges Schloss!“. Leo platzt fast vor Stolz und nickt, denn er hat die Hütte zusammen mit seinem Opa gebaut. Aus Ästen und Zweigen. Es gibt sogar eine Terrasse aus übereinandergeschichteten Fichtenzapfen, Blättern und Moos. Eufrosine fragt, ob wir in dem Schloss Hochzeit spielen wollen. Leo rümpft die Nase. „Mädchenkram!“, sagt er verächtlich. „Ich gehe auf die Jagd! Ich hab nämlich einen Bärenhunger!“ und schon springt er auf. Eufrosine ruft ihm beleidigt hinterher, dass sie eh lieber ein Wildschwein heiraten würde als einen dummen Jungen wie ihn! Als Antwort hören wir nur Leos heiseres Lachen und da müssen wir beide auch kichern. Ein Wildschwein als Bräutigam, das wäre was!

5

Leopold ist im Wald verschwunden. Und ich liege auf unserer Schlossterrasse und gucke in den Himmel und zu den Baumkronen hoch. Eufrosine Blütenschnee will sich nicht hinlegen. Sie hat Angst, dass ihr ein Käfer  übers Gesicht krabbelt. Sie sitzt neben mir und hat die Augen zu. Ich wüsste zu gerne, ob sie an Leopold denkt, aber ich traue mich nicht, zu fragen. Lieber schließe ich auch meine Augen und höre, was sich die Vögel erzählen. Dann spüre ich den Wind, der die Blätter zum Rascheln bringt, und werde ganz, ganz müde… Doch gerade als ich einschlafen will, kitzelt mich Eufrosine mit einem Grashalm unter der Nase, so dass ich niesen muss und wieder hell wach bin. Eufrosine strahlt mich an und reicht mir einen Blumenkranz. „Setz ihn auf!“ fordert sie mich auf. Sie selbst hat ihren Kranz schon auf dem Kopf. Sie trägt ihn wie eine Krone in ihren blonden Locken. Als ich ihr sage, dass sie damit wie eine richtige Prinzessin aussieht, lacht sie und sagt: „Und du siehst wieder aus wie ein Schmuddelkind!“ Jetzt bin ich zur Abwechslung mal beleidigt. „Agathe Schludderkapps, das ist der richtige Name für dich!“ sagt sie und lacht sich schief. Schon klar, bestimmt sind meine Haare zerzottelt, die Klemmen verrutscht – und als ich an mir herunter gucke, sehe ich ein Loch in meinem T-Shirt und Grasflecken an der Jeans. Und die Fingernägel? Die von meiner besten Freundin sehen aus wie kleine Perlen, denn sie hat extra Nagellack drauf getan heute morgen. Meine sehen überhaupt nicht aus wie kleine Perlen, sie haben schwarze Ränder. Ich möchte mal wissen, wie Eufrosine Blütenschnee das immer schafft! Aber wenigstens sind ihre Füße heute genauso dreckig wie meine. Ich bin gerade dabei zu überlegen, wie ich meine Freundin zurück ärgern kann, als ich etwas rascheln höre. Wir sind beide schlagartig mucksmäuschenstill und starren in die Richtung, aus der das Geräusch kommt. Ob das Leopold ist? Es ist nichts zu sehen, aber es raschelt wieder und mir wird ganz bange. Ich mache Eufrosine ein Zeichen, dass sie mir leise in die Hütte folgen soll. Der Eingang ist ganz klein, wir müssen uns durchquetschen und sind heilfroh, in Sicherheit zu sein. Als wir ängstlich rauslugen, sehen wir, wie ein Reh seinen Kopf zwischen den Bäumen hervor streckt, schnuppert und dann ganz vorsichtig auf die Lichtung läuft, zusammen mit den zwei süßesten kleinen Reh-Kitzen, die ich je gesehen habe. Wir trauen uns nicht, uns zu bewegen. Mama Reh und ihre weiß getupften Kinder fühlen sich auf der Lichtung ganz sicher und fangen an, das Gras nach leckeren Kräutern abzusuchen. Und sofort knurrt auch mein Magen, das liegt aber vielleicht auch an der Aufregung. Ich gucke rüber zu Eufrosine, die ganz mutig ihren Kopf rausgestreckt hat, um nur ja nichts zu verpassen. „Guck mal, was die für schöne Augen haben!“ flüstert sie. Mir fällt ein, dass Oma mal gesagt hat, ich hätte Rehaugen, und bin mit einem Mal ganz stolz auf meine braunen Augen. Eufrosine und ich können uns gar nicht satt sehen, aber auf einmal hören wir jemanden rufen. „Prinzessinnen, halloooo, seid ihr schon verhungert?“ Leopold. Ausgerechnet jetzt. Die Ricke dreht sich blitzschnell um und verschwindet mit großen Sprüngen im Wald, dicht gefolgt von ihren putzigen Kindern. Eufrosine guckt Leo vorwurfsvoll an und zieht die Mundwinkel herunter. „Du hast die Rehe verscheucht!“ Leo ist zerknirscht. Dann erzählt er, dass oft Wildtiere auf die Lichtung kommen und dass man sie von seiner Hütte aus besser sehen kann als vom Hochsitz seines Opas. Am besten natürlich nachts. Nachts! Leo hat seinen Satz noch nicht richtig zu Ende gesprochen, da höre ich meine Freundin säuseln: „Na, dann kommen wir eben noch mal hierher, wenn es dunkel ist!“ Leo wirft Eufrosine einen anerkennenden Blick zu und ich bin baff. „Und was ist mit den bösen Räubern und Füchsen und Wölfen?“ frage ich. Meine Freundin streckt mir die Zunge raus und sieht irgendwie mutig aus.

6

Wir Mädchen albern noch eine Weile herum. Doch auf einmal sehen wir, wie mein Freund ohne etwas zu sagen zurück ins Unterholz schleicht. Ich will hinter ihm herlaufen, aber da taucht er auch schon wieder auf und ruft heiser: „Prinzessinnen, macht mal die Augen zu, ich habe eine Überraschung für euch!“ Leo hält irgendetwas hinter seinem Rücken versteckt, das sehe ich sofort. Aber was? Obwohl wir vor Neugier beinahe platzen, schließen wir die Augen. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, bis Leo endlich fertig ist: „Ihr könnt gucken!“ Wir machen die Augen auf und sehen eine Picknickdecke auf dem Boden, auf der eine wunderschöne Festtafel gedeckt ist mit Servietten, Bechern, Tellern und einem riesengroßen Topf in der Mitte. Mit feierlicher Mine sagt Leo: „Liebe Prinzessinnen, ich habe Euch mitgebracht, wonach Ihr euch schon lange verzehrt – und jetzt seht nach, was es ist!“ Meine beste Freundin wird blass. Ich glaube, sie hat Angst, dass  im Topf ein Wildschwein ist, das um ihre Hand anhalten will, wenn sie den Deckel hebt! Jedenfalls weicht sie zurück und denkt nicht daran, nachzusehen, was in dem Topf ist. „Na los, Prinzessinnen, jetzt guckt schon nach oder traut ihr euch nicht!“ Natürlich will ich kein Feigling sein. Und ich weiß ja genau, dass Wildschweine keine Menschen heiraten. Ich hole also tief Luft und hebe vorsichtig den Deckel von dem Monster-Topf hoch. Eine Sekunde lang bin ich sprachlos, weil ich nicht glauben kann, was da vor mir liegt. Dann fange ich an zu jubeln. Blaubeer-Pfannkuchen! „Die Beeren habe ich gestern extra für euch gepflückt und Opa hat die Eierkuchen gebacken“, erklärt uns Prinz Leopold stolz und wird rot, als ihm Eufrosine um den Hals fällt.

7

Wir haben blaue Bärte und blaue Zähne, als wir zum Forsthaus zurück kommen. Meine Eltern sind auch schon da und sitzen mit Förster Rotwurst vergnügt auf der Bank vor einem Berg Blaubeerpfannkuchen. Sie wollen wissen, wie es war, und meine beste Freundin plappert und plappert und hört gar nicht mehr auf zu erzählen von unseren Abenteuern.
Eufrosine Blütenschnee  ist sechs Jahre alt und heute war ihr erster Tag im Wald. Ich wette, dass sie das nächste Mal wieder mitkommen will. Aber fragen kann ich sie nicht, denn sie ist schon auf der Bank eingeschlafen und macht nicht mehr Pieps. Jetzt lächelt sie gerade im Schlaf! Bestimmt träumt sie, dass Prinz Leopold zu uns kommt und wir zusammen hundert oder tausend oder eine Million Bäume pflanzen. Und am Ende wohnen wir nicht mehr in der Stadt, sondern mitten in einem Wald.

Geschichte für Kinder ab 6 Jahre.

Der kleine  Fuchs war wieder da. Gestern Abend hättet ihr ihn sehen können. In der Dämmerung vor dem gelben Haus in der Besenstraße. Erst  ist er auf und ab gelaufen, dann hat er sich auf seine Hinterläufe gehockt, die Ohren hoch gestellt und zum Haus hinüber geschaut. Der kleine Fuchs könnte auch ein Hund sein. Ist es aber nicht. Seine Beine sind kürzer, die Schnauze spitzer, der Schwanz buschiger als bei einem Hund. Was will ein kleiner Fuchs hier, mitten in der Stadt?

Im Haus Nummer 3 wohnt Meggie Mauerbach. Der kleine Fuchs weiß das. Aber woher? Füchse sind zwar schlau, aber sie haben keine Adressbücher und können niemanden fragen. Der kleine Fuchs wartete geduldig die ganze Nacht, doch im Zimmer des Mädchens ging das Licht nicht an, alles blieb dunkel. Es regnete Bindfäden und es war kalt. Sein Fell war pitschnass. Was der kleine Fuchs nicht wusste: Meggie war gar nicht zu Hause. Sie besuchte Oma und Opa und hatte keine Ahnung, dass unter ihrem Fenster ein Fuchs  saß und leise das Haus anbellte.

Meggie wusste nicht einmal, dass Füchse überhaupt bellen. Das wollte sie auch gar nicht wissen, denn Meggie hatte keine besonders gute Meinung von Füchsen. Wenn Ihr gefragt hättet, was sie von ihnen hält, hätte sie die Stimme gesenkt und beschwörend gesagt: Das sind furchtbar gefährliche, zähnefletschende, hinterlistige Raubtiere, denen ich nie, nie, niemals begegnen will!

Meggie kennt Füchse nur aus Büchern. Und vom Ponyhof, aber da sind ja Füchse Pferde. Also Pferde, die wegen ihrer Fellfarbe Füchse heißen. Ihre Freunde nennen Meggie die Rote Zora. Wegen ihrer Haare, die rot vom Kopf abstehen. Und weil Meggie wilder ist als die anderen. Abenteuerlustig und sehr eigensinnig. Ein außergewöhnliches Mädchen. Trotzdem hätte keiner gedacht, dass sich ein Fuchs für sie begeistern könnte. Aber Frejo ist eben kein gewöhnlicher Fuchs. Er ist ängstlicher als seine Artgenossen, sogar ängstlicher als gut ist für ihn. Schon oft ist er hungrig geblieben, weil er sich nicht aus seinem Fuchsbau getraut hat. Zum Beispiel bei Vollmond. Oder wenn die Wildschweine unterwegs sind. Und bei Gewitter schon gar nicht. Mut gehört nicht gerade zu Frejos Stärken.

Und trotzdem, diesmal war alles anders. Und das lag daran, dass er Meggie kennen gelernt hat.

Es war Frühling, als der kleine Fuchs dem Mädchen zum ersten Mal begegnete. Vor Aufregung begann sein kleines Fuchsherz ganz schnell zu klopfen, denn auf einem Baumstamm mitten im Wald saß Meggie Mauerbach und schnitzte. So sahen also die Menschen aus! Frejo war baff. Er hatte sie sich anders vorgestellt. Wie Lastwagen ungefähr. Laut, riesengroß, stinkend. Dieses Mädchen aber pfiff beim Schnitzen ein Lied und roch in etwa so lecker wie Himbeersahnetorte.

Wie schön Frejo sie fand, kann sich niemand vorstellen. Und wie geschickt sie war! Frejo duckte sich, damit das Mädchen ihn nicht entdeckte. Und ehe er sich versah, klappte Meggie ihr Taschenmesser zusammen und schwang sich auf den Ast eines riesigen Baumes. So schnell und mit so viel Grazie, wie er es noch nie gesehen hatte. Höchstens bei den Eichhörnchen, aber die haben es ja auch leicht mit ihren Krallen und ohne Schuhe.

Frejo jedenfalls hätte sich das nie getraut. Mit einem Auge linste er über den Rand seines Fuchsbaus, gerade so weit, dass ihn das Mädchen auf keinen Fall sehen konnte,  und  beobachtete gebannt, wie Meggie immer mehr an Höhe gewann, bis sie zwischen den Ästen nur noch als roter Fleck aufblitzte. Der kleine Fuchs war heilfroh, als sie nach einer halben Ewigkeit endlich wieder sicher auf dem weichen Moos landete. Schließlich hätte er Meggie ja schlecht auffangen können, wenn sie gefallen wäre. Als Meggie schließlich los rannte, weil ihre Eltern nach ihr riefen, überlegte Frejo nicht lange. Er folgte ihr.

Das Mädchen stieg in ein Auto, und Frejo lief hinterher. Schneller und immer schneller, weiter und immer weiter. Bis das Auto anhielt und Meggie laut singend im Haus verschwand.

Frejo stand mit zitternden Beinen im Schatten eines Baumes, die Zunge hing ihm fast bis zum Boden und er hechelte lauter als je ein Fuchs gehechelt hat. Er war furchtbar durstig und furchtbar glücklich. Dass der Baum kein Baum war, sondern eine Straßenlaterne merkte er erst, als es dunkel wurde und das Licht anging. Frejo kannte sich zwar im Wald aus, nicht aber in der Stadt. Doch er lernte schnell. Tagsüber versteckte er sich. Bei Anbruch der Dämmerung kam er zum Haus und hielt Wache unter Meggies Fenster. Gesehen hat sie ihn nie.

Und dann kam die Nacht, in der Meggie träumte. Von einem kleinen Fuchs mit rotbraunem, glänzenden Fell und dem liebsten Fuchsgesicht der Welt, der sein Zuhause, den Wald, verlassen hat, um bei ihr zu sein und auf sie aufzupassen. Am nächsten Morgen fiel Meggie zum ersten Mal das Loch im Vorgarten auf. Das sah ja aus wie der Eingang zu einem Fuchsbau! Meggie schaute sich überrascht um. Dann überzog ein breites Grinsen ihr Gesicht und sie flüsterte glücklich: Es gibt dich wirklich, mein lieber Freund! Du bist hier, um mich zu beschützen!
Und in der Nacht bellte der kleine Fuchs unter ihrem Fenster.

Neugierig?

Liebe Kinder! Ihr wisst es vielleicht noch nicht. Aber Frejo ist nicht der einzige Fuchs, der in der Stadt lebt. In den letzten Jahren sind immer mehr Tiere aus den Wäldern in die Städte gezogen, weil ihr ursprünglicher Lebensraum kleiner geworden ist und sich die Städte immer weiter ausgebreitet haben. Allerdings werdet ihr die Füchse kaum zu Gesicht bekommen, denn sie sind sehr scheu und wollen mit uns Menschen eigentlich nichts zu tun haben. Die Tage verschlafen sie in ihren unterirdischen Bauen. Nachts und in der Dämmerung gehen sie dann auf die Suche nach Nahrung. Weil Füchse nicht nur sehr schnell rennen können (50 Kilometer pro Stunde, das ist etwa so schnell wie ein Auto in der Stadt fahren darf, aber nicht so schnell wie ein Feldhase laufen kann), sondern auch unglaublich gut hören und riechen können, entgeht ihnen nur selten eine Beute. Selbst wenn die Maus noch so leise durchs Gras huscht – der Fuchs bekommt es mit, denn er hat an Schnauze und Pfoten viele feine Härchen, mit denen er kleinste Bewegungen und Erschütterungen um sich herum wahr nimmt. Übrigens braucht keine Gans Angst vor einem Fuchs zu haben (ihr kennt ja sicher das Lied Fuchs, du hast die Gans gestohlen…). Ausgewachsene Gänse sind für ihn als Beute viel zu groß. Aber weil Füchse Allesfresser sind, finden sie genug Mäuse, Regenwürmer, Insekten, Schnecken, Vögel, Vogeleier, Frösche, aber auch Beeren, Früchte oder Abfall, um satt zu werden.
In den kalten Januar- und Februarnächten gehen die Füchse dann auf die Suche nach einer netten Füchsin, einer Fähe. Wer dann spät abends im Wald unterwegs ist, kann das Heulen und Bellen hören, mit dem sie auf sich aufmerksam machen. Etwa 50 Tage später, also im März oder April kommen dann die kleinen Füchse auf die Welt, zwei Wochen lang sind sie blind, dann aber entwickeln sie sich in einem rasanten Tempo, lernen jagen und alles, was man für ein Fuchsleben braucht. Nach nur vier Monaten sind die kleinen Füchse selbständig. Überlegt einmal, wie abhängig die Menschenbabys in dem Alter noch von ihren Eltern sind!
Erwachsene denken oft an Tollwut, wenn über Füchse gesprochen wird. Vor einigen Jahren hatten tatsächlich viele Füchse Tollwut und haben mit dieser schlimmen Krankheit andere Tiere und auch Menschen angesteckt. Seitdem sind die Füchse aber mit Hilfe von Ködern geimpft worden, so dass Experten Deutschland für tollwutfrei erklärt haben. Trotzdem solltet ihr unbedingt die Finger von Füchsen lassen – ein Fuchs ist kein Schmusetier, Füttern und Streicheln verboten.

 

Es schüttet aus Eimern, tagelang, dabei haben die Ferien begonnen! Lange Gesichter, quengelige Kinder, genervte Eltern. Doch zum Glück gibt es Bücher, die auf Tage wie diese gewartet haben. „Das Regenfest“ ist so eines. Kinder werden es lieben, Eltern vermutlich ebenso, denn so märchenhaft sympathisch, kindgerecht und lehrreich ist selten erzählt worden von dem Phänomen, das für Große nicht mehr ist als der natürliche Kreislauf des Wassers und für Kleine ein Fest – ein Regenfest!

Und darum geht’s:
Der kleine Regentropfen Fluwi ist ganz aufgeregt, denn sein erstes Regenfest steht bevor. Endlich ist er groß genug, um mit zu feiern! Zusammen mit seinen Verwandten verlässt Fluwi sein Zuhause, die Wolke 729, und macht sich auf die Reise zur Erde. Erzählt wird die abenteuerliche Geschichte eines kleinen Wassertropfens bei Sonnenschein und Regen – und seiner Rückkehr zur Wolke.

Das Regenfest
Text: August Gral
Illustration: Stefanie Messing
Papierverzierer Verlag, ISBN: 978-3-944544-10-6
24 Seiten, Hardcover
Empfohlenes Vorlesealter: 4-7 Jahre
EURO 14,95