Der Fuchs und das Mädchen
Geschichte für Kinder ab 6 Jahre.
Der kleine Fuchs war wieder da. Gestern Abend hättet ihr ihn sehen können. In der Dämmerung vor dem gelben Haus in der Besenstraße. Erst ist er auf und ab gelaufen, dann hat er sich auf seine Hinterläufe gehockt, die Ohren hoch gestellt und zum Haus hinüber geschaut. Der kleine Fuchs könnte auch ein Hund sein. Ist es aber nicht. Seine Beine sind kürzer, die Schnauze spitzer, der Schwanz buschiger als bei einem Hund. Was will ein kleiner Fuchs hier, mitten in der Stadt?
Im Haus Nummer 3 wohnt Meggie Mauerbach. Der kleine Fuchs weiß das. Aber woher? Füchse sind zwar schlau, aber sie haben keine Adressbücher und können niemanden fragen. Der kleine Fuchs wartete geduldig die ganze Nacht, doch im Zimmer des Mädchens ging das Licht nicht an, alles blieb dunkel. Es regnete Bindfäden und es war kalt. Sein Fell war pitschnass. Was der kleine Fuchs nicht wusste: Meggie war gar nicht zu Hause. Sie besuchte Oma und Opa und hatte keine Ahnung, dass unter ihrem Fenster ein Fuchs saß und leise das Haus anbellte.
Meggie wusste nicht einmal, dass Füchse überhaupt bellen. Das wollte sie auch gar nicht wissen, denn Meggie hatte keine besonders gute Meinung von Füchsen. Wenn Ihr gefragt hättet, was sie von ihnen hält, hätte sie die Stimme gesenkt und beschwörend gesagt: Das sind furchtbar gefährliche, zähnefletschende, hinterlistige Raubtiere, denen ich nie, nie, niemals begegnen will!
Meggie kennt Füchse nur aus Büchern. Und vom Ponyhof, aber da sind ja Füchse Pferde. Also Pferde, die wegen ihrer Fellfarbe Füchse heißen. Ihre Freunde nennen Meggie die Rote Zora. Wegen ihrer Haare, die rot vom Kopf abstehen. Und weil Meggie wilder ist als die anderen. Abenteuerlustig und sehr eigensinnig. Ein außergewöhnliches Mädchen. Trotzdem hätte keiner gedacht, dass sich ein Fuchs für sie begeistern könnte. Aber Frejo ist eben kein gewöhnlicher Fuchs. Er ist ängstlicher als seine Artgenossen, sogar ängstlicher als gut ist für ihn. Schon oft ist er hungrig geblieben, weil er sich nicht aus seinem Fuchsbau getraut hat. Zum Beispiel bei Vollmond. Oder wenn die Wildschweine unterwegs sind. Und bei Gewitter schon gar nicht. Mut gehört nicht gerade zu Frejos Stärken.
Und trotzdem, diesmal war alles anders. Und das lag daran, dass er Meggie kennen gelernt hat.
Es war Frühling, als der kleine Fuchs dem Mädchen zum ersten Mal begegnete. Vor Aufregung begann sein kleines Fuchsherz ganz schnell zu klopfen, denn auf einem Baumstamm mitten im Wald saß Meggie Mauerbach und schnitzte. So sahen also die Menschen aus! Frejo war baff. Er hatte sie sich anders vorgestellt. Wie Lastwagen ungefähr. Laut, riesengroß, stinkend. Dieses Mädchen aber pfiff beim Schnitzen ein Lied und roch in etwa so lecker wie Himbeersahnetorte.
Wie schön Frejo sie fand, kann sich niemand vorstellen. Und wie geschickt sie war! Frejo duckte sich, damit das Mädchen ihn nicht entdeckte. Und ehe er sich versah, klappte Meggie ihr Taschenmesser zusammen und schwang sich auf den Ast eines riesigen Baumes. So schnell und mit so viel Grazie, wie er es noch nie gesehen hatte. Höchstens bei den Eichhörnchen, aber die haben es ja auch leicht mit ihren Krallen und ohne Schuhe.
Frejo jedenfalls hätte sich das nie getraut. Mit einem Auge linste er über den Rand seines Fuchsbaus, gerade so weit, dass ihn das Mädchen auf keinen Fall sehen konnte, und beobachtete gebannt, wie Meggie immer mehr an Höhe gewann, bis sie zwischen den Ästen nur noch als roter Fleck aufblitzte. Der kleine Fuchs war heilfroh, als sie nach einer halben Ewigkeit endlich wieder sicher auf dem weichen Moos landete. Schließlich hätte er Meggie ja schlecht auffangen können, wenn sie gefallen wäre. Als Meggie schließlich los rannte, weil ihre Eltern nach ihr riefen, überlegte Frejo nicht lange. Er folgte ihr.
Das Mädchen stieg in ein Auto, und Frejo lief hinterher. Schneller und immer schneller, weiter und immer weiter. Bis das Auto anhielt und Meggie laut singend im Haus verschwand.
Frejo stand mit zitternden Beinen im Schatten eines Baumes, die Zunge hing ihm fast bis zum Boden und er hechelte lauter als je ein Fuchs gehechelt hat. Er war furchtbar durstig und furchtbar glücklich. Dass der Baum kein Baum war, sondern eine Straßenlaterne merkte er erst, als es dunkel wurde und das Licht anging. Frejo kannte sich zwar im Wald aus, nicht aber in der Stadt. Doch er lernte schnell. Tagsüber versteckte er sich. Bei Anbruch der Dämmerung kam er zum Haus und hielt Wache unter Meggies Fenster. Gesehen hat sie ihn nie.
Und dann kam die Nacht, in der Meggie träumte. Von einem kleinen Fuchs mit rotbraunem, glänzenden Fell und dem liebsten Fuchsgesicht der Welt, der sein Zuhause, den Wald, verlassen hat, um bei ihr zu sein und auf sie aufzupassen. Am nächsten Morgen fiel Meggie zum ersten Mal das Loch im Vorgarten auf. Das sah ja aus wie der Eingang zu einem Fuchsbau! Meggie schaute sich überrascht um. Dann überzog ein breites Grinsen ihr Gesicht und sie flüsterte glücklich: Es gibt dich wirklich, mein lieber Freund! Du bist hier, um mich zu beschützen!
Und in der Nacht bellte der kleine Fuchs unter ihrem Fenster.